Wer mich kennt, der weiß, dass ich sensible Diskussionen nicht scheue. Auch wenn ich Streit absolut nicht mag, so ducke ich mich nicht weg, wenn es ans Eingemachte geht. Darum schreibe ich heute einen Beitrag über das Thema Fotobearbeitung. Eine nach wie vor heiß diskutierte Angelegenheit – und seitdem ich mich intensiv mit Fotografie und Daten beschäftige, habe ich diese Kontroverse im Blick. Als reflektierte Person versuche ich das Pro und Contra der Fotobearbeitung zu beleuchten und präsentiere hier den einen oder anderen Vorher-Nachher-Vergleich meiner Aufnahmen.
Warum Fotobearbeitung sinnvoll sein kann
Wenn ich ein Foto aufnehme, drücke ich nicht nur auf den Auslöser. Ich halte einen bestimmten Moment fest, wie ich ihn just zu einem Zeitpunkt wahrnehme. Die Kamera „sieht“ aber selten exakt das, was ich sehe: Kontraste wirken flacher, Farben sind manchmal blasser, flüchtige Stimmungen gehen gelegentlich verloren. Wenn man diese Zeilen liest, dann stellt man unweigerlich fest, dass ich grundsätzlich eher für die Bearbeitung von Fotoaufnahmen bin. Denn Fotobearbeitung ist für mich zunächst der Versuch, das Bemerkenswerte aus einer Aufnahme herauszuholen. Nicht um die Realität zu verbiegen, sondern um meine Vision auf die Situation sichtbar zu machen. Ich versuche mich dabei eher an einzelne Grundsätze des sogenannten Ethical Photo Editing zu orientieren. Ich verstehe durchaus aber auch die Gegenseite, die sich vehement gegen eine Bearbeitung von Fotoaufnahmen ausspricht (auch wenn ich selbst meine Position hierzu nicht ändern werde).
Warum ein Vorher-Nachher-Vergleich Transparenz schafft
Hier ist eine meiner Aufnahmen, die ich bearbeitet habe – und zwar in einem Vorher-Nachher-Vergleich. Die Bearbeitungszeit hielt sich dabei ziemlich in Grenzen und betrug nur wenige Minuten. Mir ging es darum, das fabelhafte Wesen dieser Ente im Wasser hervorzuheben. Zudem kann ich mich daran erinnern, dass es an diesem Tag am Wörthersee bewölkt war. Jedoch nicht so trist und grau, wie es auf der ursprünglichen Aufnahme abgebildet ist. Darum konnte ich durch einzelne Verbesserungen ein klareres (und tatsächlich realitätsnäheres) Bild dieser Situation schaffen.
Bearbeitung als sinnvolles Werkzeug einsetzen – nicht als Manipulation
Ich sehe die Bildbearbeitung-Programme somit eher als Werkzeugkiste, um die Vision meiner Aufnahmen zu verdeutlichen: Manchmal reicht es, den Kontrast in einem Bild etwas zu erhöhen, den Horizont zu begradigen und fertig. Ein anderes Mal möchte ich eine ganz bestimmte Stimmung verstärken. Zum Beispiel den nebligen Morgen noch weicher oder die Stadt in der blauen Stunde eine Spur kühler gestalten. Solange ich in diesem Rahmen bleibe, fühlt sich diese Herangehensweise der Bildbearbeitung für mich nicht nach „Lügen“ oder nach Manipulation, sondern nach bewusster Bildgestaltung an.
Keine Jagd nach Perfektion
Ich möchte anhand des folgenden Fotos, das ich im Juli 2024 in Belgrad im Beisein von engen Freunden und meinem Partner aufgenommen habe, zeigen, was ich unter einer realitätsnahen Bildbearbeitung verstehe. Wenn man sich die ursprüngliche Aufnahme ansieht, hat man das Gefühl, dass eine Art Grauschleier sich über das gesamte Bild zieht. Ich kann mich allerdings auch an diesen wunderbaren, lauen Sommerabend in Belgrad erinnern. Die Farben, die uns dieser Sonnenuntergang bescherten, waren außergewöhnlich. So spektakulär, dass ich dieses Foto mit genau der Intension aufnahm, der Löwenstatue durch die untergehende Sonne eine „Erleuchtung“ zu geben. Und den Blickwinkel so zu wählen, als hätte man das Gefühl, die Löwenstatue würde ganz bewusst diesem magischen Sonnenuntergang beiwohnen.
Was ich nicht gemacht habe: Diverse Elemente, die andere als störend bezeichnen würden (Graffito direkt unter der Statue, einzelne Elemente auf dem Boden), nicht entfernt. Die gehören für mich beim Festhalten dieser Erinnerung dazu. Denn schließlich möchte ich, dass sich Menschen ein realistisches Bild von der Situation vor Ort machen können. Ich möchte keine falschen Erwartungen einer Destination oder einer eigenen Erfahrung wecken. Und darum möchte ich nun zum kritischen Teil des Beitrags kommen.
Bildbearbeitung in der Kritik
Es gibt so manche Formen der Bildbearbeitung, die stehen nicht ganz zu Unrecht in der Kritik. Im Journalismus und in der dokumentarischen Fotografie warnt man bereits davor, dass zu grobe Eingriffe die Wahrnehmung von Fakten verzerren und Vertrauen in das Gesehene zerstören können. Gerade im Hinblick auf den vermehrten Einsatz von KI in der Bildbearbeitung (oder sogar in der Bilderstellung), kann das gesunkene Vertrauen gegenüber etablierten Medien noch weiter vertiefen. Und wenn wir schon beim Thema sind: Gleichzeitig zeigen Studien, dass stark bearbeitete Körperbilder mit mehr Unzufriedenheit und negativen Gefühlen gegenüber dem eigenen Körper verbunden sind.
Weitere Contra-Argumente
Das angeschlagene Vertrauen, dass durch einen nicht gerechtfertigten KI-Hype weiter angefacht wird, setzt der fotografischen Branche durchaus zu. Wird der Inhalt eines Bildes verändert (z. B. durch das Löschen oder gar Hinzufügen von Objekten, Körperformen verändern), kann das Publikum in die Irre geführt werden. Das betrifft besonders den Fotojournalismus, aber auch die Markenkommunikation. Das hier verloren gegangene Vertrauen weitet sich auf andere Fotografie-Branchen aus.
Unrealistische Erwartungen
Wir leben in einer Zeit, in der ein oberflächlicher Körperkult scheinbar wieder zuzunehmen scheint. Auf dieses ohnehin schon sinnbildlich lodernde Feuer sollte man nicht unbedingt einen ganzen Benzinkanister darüber kippen. Denn: Forschungsarbeiten zeigen, dass Bilder mit stark idealisierten, digital geformten Körpern die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper reduzieren und den Druck erhöhen, einem kaum erreichbaren Ideal zu entsprechen. Okay, gut, das krankhafte Festhalten an eine völlig realitätsferne Kennzahl (Hallo? Hat hier sich mal jemand näher mit dem BMI beschäftigt?) führt ebenso zur psychischen Belastung und fast schon problematischen Selbstoptimierung. Das zu verändern, liegt allerdings nicht in meiner Macht.
Vortäuschung von Perfektion
In meiner Verantwortung liegt allerdings, keine falschen Erwartungen an einen Ort zu schüren. Keine Perfektion zu suggerieren, denn die Welt ist nicht perfekt. Menschen sind nicht perfekt. Weg mit diesem Druck und dem Jagen nach Perfektionismus. Denn wenn jedes Bild „perfekt“ sein muss, dann kann die Spontaneität verloren gehen. Man fotografiert dann nicht mehr, um einen echten Moment festzuhalten, sondern nur noch der Inszenierung wegen. Im Prinzip also, um sich selbst und andere vorzugaukeln, dass es nur den vermeintlich perfekten Moment brauche, um auf einen Knopf zu drücken. Das wäre für mich persönlich der Verlust vom Spaß an der Fotografie.
Fazit: Ein Plädoyer für die Sichtbarmachung von Veränderungen im Vorher-Nachher-Vergleich
Ich habe mir in den Wintermonaten 2025 viele Gedanken gemacht, wie ich mein persönliches 2026 gestalten möchte – und wie ich dieses fotografisch festhalten werde. Wer mit mir auf Instagram verbunden ist, wird aufgefallen sein, dass ich einen sogenannten Transformation-Monday eingeführt habe. Montags veröffentliche ich also Bilder, die ich aufgenommen und anschließend etwas bearbeitet habe. Da ich schon früh damit aufgewachsen bin, Verantwortung zu übernehmen und mit gutem Beispiel vorauszugehen, wollte ich dieses Format in meinem Instagram-Auftritt integrieren. Ähnliche Formate sorgen in anderen Regionen dieser Welt durchaus für Aufsehen. Doch diese sind meistens damit verbunden, dass man damit individuelle Lightroom-Presets erwerben kann.
Keine Presets – nur ein ehrlicher Umgang mit Bildbearbeitung
Mal abgesehen davon, dass ich seit diesem Monat kein Lightroom mehr nutze, gibt es bei mir keine Presets, die man kaufen könnte. Aber es gibt persönliche Einsichten in der Art und Weise, warum und wie ich welche Aufnahme bearbeitet habe. Für mich stellt sich die Frage nicht ob ich Fotos bearbeite. Sondern eher die Frage: „Wie weit dürfen Bearbeitungen gehen – und kann ich diese Änderungen gegenüber anderen Betrachter:innen verantworten?“. Bildbearbeitung kann Fotos in ihrer Message deutlicher gestalten. Beim Bearbeitungsprozess kann Kreativität freigesetzt werden. Eine zu manipulative Gestaltung kann aber auch täuschen, Druck erzeugen und Vertrauen verspielen.
Ein gesunder Mittelweg
Ich wünsche mir einen Umgang, in dem wir weder dogmatisch an der unberührten RAW-Datei festhalten noch kritiklos jedem Weichzeichner hinterherlaufen. Vielleicht liegt die Lösung darin, bewusste Entscheidungen zu treffen, transparent zu sein und uns immer wieder zu fragen: Unterstützt diese Bearbeitung die Aussagekraft meines Bildes – oder übertreibt sie es maßlos? Da ich mit Übertreibungen (oder auch maßlosen Selbstüberschätzungen) wenig anfangen kann, habe ich mich bewusst für diesen Transformation Monday auf Instagram entschieden, um dort wöchentlich einen Vorher-Nachher-Vergleich zu präsentieren. Zudem lasse ich es sämtlichen Betrachter:innen frei zu entscheiden, welche der beiden Versionen ihnen mehr zusagt. Es geht schließlich auch darum, die Sorgen und Einwände des Gegenübers wahr- und ernstzunehmen.
Deine Einschätzung zählt
Wie stehst du zum Thema Bildbearbeitung? Ich bin auf deine Perspektive hierzu gespannt. Falls wir auf Instagram miteinander verbunden sind, dann kannst du mir dort gerne eine DM schreiben. Falls du nicht auf Instagram vertreten bist, dann hast du über mein Kontaktformular die Möglichkeit, deine Meinung zum Thema zu äußern. Das gleiche Formular kannst du natürlich auch dafür verwenden, falls du Interesse an einer Kooperation hast. Ich freue mich auf deine Rückmeldung. Bis dahin – stay safe, viel Spaß beim Fotografieren und lass dich nicht übers Ohr hauen. 😉