Im vergangenen Jahr bemerkte ich, wie mir die Fotografie immer wichtiger wurde. Nicht nur, um mich zu fokussieren. Sondern um auszudrücken, was ist. Was ich sehe, denke, fühle und der Öffentlichkeit nicht vorenthalten will. Zudem ist sie für mich ein willkommener Grund, hinaus zu gehen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln Städte und Orte zu erkunden, die man so sonst nicht allzu oft besuchen würde. Wenn ich unterwegs bin, dann erlaube ich es mir, ohne (digitale) Karte ein Ortszentrum zu erkunden. So geschehen im Frühjahr 2025 in Bruck an der Mur. Eine Stadt, in der ich gefühlt 50 Mal schon war. Doch dieses Mal habe ich mir bewusst einen Fotospaziergang vorgenommen. Was ich mir dabei denke, wenn ich Motive sehe und anschließend meine Kamera zücke, um das Motiv aufzunehmen, ist manchmal eine Wissenschaft für sich. Nun gut, du bist ja wahrscheinlich hier, weil du dich für die dokumentarische und tiefgründige Fotografie interessierst.
Die Murjungfrau

Beim Spaziergang entdecke ich diese Meerjungfrau, die auf einen großen Stein sitzt und sich mit den Händen in die Haare greift. Bei einer späteren Recherche sollte ich herausfinden, dass es sich hierbei um die sogenannte Murjungfrau handelt. Uh, spannend! Also gleich mal Informationen über dieses Wesen beschaffen. Mehrere Recherchen mit allseits bekannten Suchmaschinen sowie die Konsultation diverser KI bringen mich allerdings an meine Grenzen. Denn die Murjungfrau ist keine historisch belegte Person oder ein landesweit bekanntes Denkmal, sondern vermutlich eine lokales Kunstprojekt, das sich auf die Verbindung der Stadt mit der Mur bezieht. Das Gebäude Schiffländ 15 ist heute das Baderhaus, das aus dem 16. Jahrhundert stammt, Heute wird es als Gasthaus und Pension genutzt wird. Damit hat dieses Gebäude einen besonderen Bezug zur Mur und zur Stadtgeschichte. Ich sehe schon – hier braucht es eine eingehendere Recherche zur Skulptur. Möglicherweise bei einem Besuch in der Stadtbücherei Bruck an der Mur.
Doch zurück zum eigentlichen Motiv: Die Legende dieser Murjungfrau in Bruck an der Mur stammt vermutlich aus der überregionalen Sage von Meerjungfrauen und Wassernymphen, die an Flüssen und Seen in Mitteleuropa verbreitet sind. Solche Figuren sind in der europäischen Folklore oft mit Wasserquellen, Flüssen oder Seen verbunden. Sie gelten dabei als Wächterinnen oder Schutzgeister des Wassers (oder der vermeintlichen Schätze, die sie in diesen Gewässern angeblich verstecken). Wassernixen und Wasserjungfrauen (zu deren die Murjungfrau wohl angehört) sind diese anmutigen, verführerischen Gestalten aus Sagen und Mythen. Sie locken mit ihrem betörenden Gesang Fischer und Schiffer in ihren Bann. Wer ihren Klängen lauscht, verliert oft die Achtung vor den Gefahren des Wassers und findet so nicht selten sein Schicksal in den Fluten.
Was ich mir dabei denke, wenn ich solche Mythen lese…
Na, super! Total aufbauend, von einer wunderhübschen Figur hinters Licht geführt zu werden. Um dann anschließend das Leben verlieren zu können. Und warum? Weil man(n) sich verführen ließ. Die Gier nach dem Einzigartigen, nach dem Schatz, nach Ruhm und Ehre. Nach der Möglichkeit, der vermeintlich Erste oder Beste zu sein… Oh, okay, ich schweife wieder ab. Ich bin mir bei solchen Mythen und Sagen unschlüssig, ob sie nicht dazu beitragen, misogyne Stereotype zu verstärken. Mh, Nein, eigentlich bin ich mir nach meiner eingehenden Recherche ziemlich sicher, dass solche Sagen Frauen sogar bewusst abwerten. So manches Vorurteil wird einer selbstbewussten Frau heute noch von (verunsicherten) Männern entgegengeschleudert.
Aber warum in diesem Fall nicht eine Technik anwenden, die in der Wissenschaft üblich ist – das Reframing. Also wechseln wir ein wenig den Blickwinkel und schauen auf diese Murjungfrau so:
- Kann sich in einem komplizierten Umfeld behaupten.
- Ist anpassungsfähig.
- Achtet auf sich und ihre Bedürfnisse.
- Hat mehrere Talente und ist ziemlich überzeugend in dem, was sie macht.
- Schert sich relativ wenig um die Meinung anderer Lebewesen.
- Ist bereit, Konsequenzen zu ziehen, wenn es Grenzüberschreitungen gibt.
Kommen wir nun zur Bildkomposition
Ich hätte dieses vielseitige, zielstrebige, weibliche Fabelwesen frontal fotografieren und dabei im Hintergrund die vorbei fließende Mur in den Bildabschnitt integrieren können. Das war mir allerdings zu stereotyp und einfallslos. Also ging ich an jenem Abend um diese Skulptur herum, schaute mir die Gegend genau an und entdeckte diese bunte Treppe im Hintergrund. Technisch betrachtet sind das diverse Linien, die selbst querverstrebt nach oben führen. Also ging ich in die Hocke, probierte mehrere Blickwinkel – und hatte ein wunderbares Gefühl dabei. Denn: Wer kommt schon auf die Idee, dass eine sogenannte Murjungfrau diesen Treppenaufgang hinaufgehen wollen würde? Sie kann da ja eigentlich gar nicht hoch. Vielleicht aber auch doch – schließlich ist sie ein Fabelwesen. Ich könnte auch provokant festhalten: Auf meinem Foto schaut sie nicht ganz zu unrecht auf diese Aufstiegsmöglichkeit. Also lächle ich und postiere mich mit meiner Kamera so, dass ich genau dieses Foto aufnehmen kann.
Was ich mir bei der Betrachtung denke…
Da sitzt nun dieses vielseitige, zielstrebige, weibliche Fabelwesen und schaut auf diesen bunten Treppenaufgang. Dieser scheint eine ganz eigene Faszination auf sie auszustrahlen. Wer weiß schon, was am Ende dieses Aufstiegs auf sie warten würde. Sie richtet sich ihre Haare und scheint zu überlegen: „Was wäre, wenn ich diese Treppen hinaufsteigen würde? Wenn ich mich trauen würde, meine Komfortzone zu verlassen? Mich nicht mehr auf mein vermeintlich natürliches Habitat einengen ließe. Stattdessen die vielen Möglichkeiten nutzen würde, die das Leben bieten kann. Ohne dabei auf mein Äußeres oder meine Herkunft reduziert zu werden. Einfach mal schauen, wie weit man mit Offenheit, Fleiß, einem gewissen Lernwillen und Leidenschaft kommen kann. Begebe ich mich auf diese Reise der persönlichen Entwicklung, um eines Tages ein anderes Leben führen zu können?“
… und warum ich diese Aufnahme veröffentlicht habe.
Wie viele talentierte Menschen befinden sich an genau diesem Punkt im Leben? An einem, wo man entscheiden muss: Dort zu bleiben, wo man gerade steht – oder etwas Anderes wagen. In einer Situation zu sein, wo man niemandem mehr etwas erklären will, sondern sich selbst erst einmal einige Erklärungen schuldig ist. Mal auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu hören. Sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, nachdem man in einer rücksichtslosen und opportunistischen Gesellschaft geschwächt wurde. Genau hinzusehen, wenn man merkt, da gehen Entwicklungen in die ganz falsche Richtung. Und sich von solchen Tendenzen klar abgrenzen. Auch wenn das heißt, radikale Schritte zu setzen.
Zurück zum Motiv
Damit wiederum kann der Bogen zur sogenannten Murjungfrau wieder gespannt werden. Wenn sie sich auf diesen Aufstieg über diese bunten Treppen einließe, dann wäre das für sie mit einem enormen Aufwand verbunden. Doch wenn sie diese bunten Möglichkeiten für sich wahrnehmen möchte, dann wird sie Wege finden, diese zu ergreifen. Sie wird sich einen Pfad zurechtlegen. Vielleicht auch eine Ausweichroute berücksichtigen. Aber sie wird ihren Weg gehen. Denn sie ist ein vielseitiges, zielstrebiges und weibliches Fabelwesen, das sich gut an sich verändernde Gegebenheiten anzupassen, selbst zu organisieren und gegen jegliche Widerstände durchzusetzen weiß.